SCHWEBENDE SYNAGOGE
Wo von den Menschen nur die Lieder übrig blieben
In Galizien und der Bukowina, im Gebiet der heutigen Westukraine und in Moldawien, leben nur noch wenige Juden. Doch sehr lebendig zeigt sich das Gemeindeleben. Eine musikalische Reise voller Konzerte, Sessions, Tanz und Wodka.
„Vor dem Krieg lebten hier 14.000 Juden und es gab 12 Synagogen“, erzählt der Musiker Alfred Schreier, während er im Dunkeln vor einer Dorfdisco ständig in Gefahr schwebt, von irgendwelchen wilden Burschen mit dicken Autos überfahren zu werden. Es ist Samstag abend. In dem kleinen Städtchen Drogobyc in der Westukraine werden die Straßenlampen um zehn Uhr ausgeschaltet und es ist plötzlich völlig dunkel zwischen den alten Häusern. Der 83-jährige Alfred Schreier ist einer der einzigen zwei Juden, die in Drogobyc geboren sind und noch heute hier leben, alle anderen „liegen im Grab oder sind ausgewandert”, wie Schreier das umschreibt. Der elegante schmale Mann, der ein sehr feines Deutsch spricht, verbrachte die Kriegszeit im Arbeitslager Gross Rosen, seine Mutter liegt im Massengrab in Stralovic im Bronicer Wald. Seine gesamte Familie wurde vergast.
Der Wiener Jüdische Chor und die Wiener Klezmer Band Scholem Alejchem sind in der Ukraine auf Konzertreise. Nach einer beinahe 24stündigen Autobusreise sind einige Sängerinnen bei dem Auftritt in der Philharmonia Halle einem Kreislaufkollaps nahe. Doch sie ziehen das Konzert durch, denn die alten Leutchen haben lange auf den Auftritt gewartet. Einem kleinen rothaarigen Jungen in der ersten Reihe fallen immer wieder die Augen zu. Schliesslich kraxelt er versuchsweise seiner Mutter auf den Schoss, die ihn resolut wieder auf seinen Samtsessel befördert. 250 Juden umfasst die Gemeinde in Drogobyc momentan, inklusive den Angeheirateten - zugewandert aus der Ostukraine, dem Ural oder anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.
Über der Stadt schwebt die Silhouette der riesigen Synagoge, deren Dach gerade mit Hilfe eines Baukranes renoviert wird. Sie diente 2500 Leuten als Gebetsraum. Lange lebten die Obdachlosen der Stadt in der Ruine, die sich im Winter mit Feuern im Inneren der Synagoge wärmten. Mit Hilfe der US-Organisation Or Avner wird das Gebäude nun remontiert – „den Ausdruck habt ihr im Deutschen nicht”, lächelt Schreier. Die jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft Chessed unterstützt Schreiers persönliche Remontage, er erhält jeden Monat ein Lebensmittelpaket und darf ins Restaurant gehen. „Übermorgen fahren wir vier Mann hoch nach Lemberg und geben ein Konzert für den ehemaligen Vorsitzenden der israelischen Knesset, Shevach Weiss. Ich singe die Lieder von Mordche Gebirtig und alte polnische Tangos”, freut sich Schreier, bevor er vorsichtig im Dunkeln über die gebirgigen Trottoirs nach Hause wandelt. Er kennt hier jeden Stein.
Jossef Karpin, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Drogobyc, ist mit seinen Motivationsausbrüchen und seiner eiligen Hast, ein typischer Vertreter des Lehrerberufes. „Es ist ein Wunder, dass Herr Schreier überlebt hat. Bei uns gibt es nur einen Stein zur Erinnerung an die ermordeten Juden, doch 15 Kilometer von hier in Bronica ist ein Memorial, dort war eine Exekutionsstelle. Bis zu 15.000 Menschen sind dort begraben.” Karpin will sich für eine Gedenkstätte in seinem Ort einsetzen. Die jungen Juden wandern aus, weil es keine Arbeit gibt. „Jetzt ist es viel schlimmer als vor der Perestroika, denn damals war die Industrie verstaatlicht und in der Holzverarbeitung, in den Möbelfabriken oder in der Erdölverarbeitung fanden die Leute Arbeit. Nun funktionieren zwei Drittel aller Betriebe nicht mehr. Es gibt keine Kolchosen. Wozu brauche ich die Freiheit, wenn ich nichts zu essen habe?”, lacht Karpin in seinen kurzen grauen Bart hinein. „Doch auf Ausbildung und Wissen wird sehr viel Wert gelegt, das gibt Hoffnung.”
Sterne in der Nacht
Ein dicker Opa in kariertem Hemd steht auf der Bühne und übergibt Mirjam Silber, der Sängerin von Sholem Alejchem, einen weissen Korb mit roten Rosen. Er erzählt, wie er vor sechzig Jahren am 26. April Wien von den Nationalsozialisten befreit hat. „Das wird in Österreich gerne vergessen”, kommentiert ein Chormitglied ziemlich laut auf Deutsch von der Galerie herunter. Der Herr bewahrte auch einige architektonische Wiener Sehenswürdigkeiten vor der Sprengung. Die Nazis hatten Minen hinterlassen. In dem vollen Theatersaal in der Schepetivska Straße im ukrainischen Czernowitz sitzen die Leutchen brav auf ihren goldenen Samtsesseln, denn draussen blitzt und donnert es. „Wir spielen a Libe, aber wir bekommen sie nicht, o helf mir Gott im Himmel, wir haben die Libe nit zusammen gebracht”, singt der Chor. In dem traurigen Lied „Oi dorten, dorten” geht es um eine Liebe, aus der nix wird. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. In „Mamas Schabbes Lied”, einem alten Volkslied, das Isaak Loberan von Sholem Alejchem von dem alten Sänger David Saposchnikov gehört hat, bleiben von den Menschen nur die Lieder übrig - die leuchten wie Sterne in der Nacht. Niemand ist mehr übrig, alles ist entrückt. Kugeln fliegen wie Bienenschwärme. Man hat den Juden vertrieben. Nur die Erinnerung bleibt und die Sterne in der Nacht.
Saposchnikov selbst starb vor kurzem an Krebs, einen Tag vor dem Konzert in Kiev. Den Tango „Wen ich sol dich farlirn” übernahm die Band auch von ihm. Ein Opi in hellgrauem Jerseyhemd mit passender Popelinekappe am Schoß zerknüllt nervös das Band der Handtasche seiner Frau. Anschließend spielen die Local Heroes, die Czernowitzer Band „A Jiddische Neschome” (Eine jüdische Seele) in knallgrünen und goldenen Discohemden auf. Der Posaunist sieht aus wie ein ukrainischer Elvis Presley, der Klarinettist mit seinem Schnurrbart wie der örtliche Feuerwehrhauptmann. Der junge Schlagzeuger sitzt auf einem goldenen Polsterstuhl nach hinten gebeugt und spielt ohne jemals zu schauen, ob er seine Trommeln und Becken trifft. Klezmerrock, das Publikum johlt. Diese Jiddische Neschome erzeugt Glücksgefühle wie eine Zirkuskapelle.
Gut Schabbes
Musik ertönt. Am Markt von Belz in Moldawien in engen Gassen, in denen ein Textilstand an den anderen gereiht ist, zieht ein Blinder mit der Ziehharmonika in gleichmäßigem Rhytmus mit kleinen Schritten gerade durch, an seinen Rücken geklammert seine magere Frau mit nach hinten gebundenem roten Kopftuch. Vorne am Akkordeon ist eine Art Becher angebracht, in den die Leute, an denen die beiden Blinden vorbei ziehen, kleine Scheine stecken. Bedanken tun sich die zwei nicht, denn sie kriegen nicht mit, wenn jemand Geld in den Becher steckt. In der hohen überdachten Markthalle leuchten übereinandergetürmte Honiggläser in allen Goldtönen. Wer kosten will, bekommt mit dem Messer etwas Honig auf die Hand geschmiert und muss es ablecken.
An einer Art Tresen verkaufen Frauen mit weißen Spitzenhütchen Gebäck und Kuchen und schmeißen sich über die Kassa in Positur, wenn jemand die Fotokamera zückt. In Honig eingelegte Essiggurken gelten als Spezialität, um den Wodka weich zu machen. Ein alter Mann in grauem Anzug, mit grauem Hut und grauem Bart singt sehr laut und selbstbewusst vor einem Springbrunnen, es klingt nach jüdischen Liedern. Etwas weiter am Belzer Hauptplatz das schräge Denkmal, auf dem ein Panzer steht. Praktisch an jeder Ecke stehen ältere Zeitungsverkäuferinnen in dunkelgrüne Kostüme gekleidet, mit dunkelgrünen, nach hinten gebundenen Kopftüchern und Goldrand-Brillen. Die Jugendlichen saufen schon in der Früh Malzbier.
Wir versuchen mit Hilfe eines Taxis die Synagoge zu finden. Der Taxifahrer, ein militärisch aussehender Typ mit nacktem Oberkörper strahlt über das Abenteuer, sein Bruder auf dem Beifahrersitz studiert den Stadtplan, aus dem Funkgerät tönt im Stakkato „Hausnummer sechs. Brücke Sowieso.” Wir suchen durch tiefe Pfützen, holpern über schlammige, nicht asphaltierte Strassen, fragen eine Frau, die ihre Teppiche über den Zaun gehängt hat und mit dem Gartenschlauch abspritzt. Umständliche Erklärungen folgen. In der Synagoge dann ein wunderschöner halbrunder Vorraum mit Glasfenstern in gelb und hellgrün. Die Kerzen brennen. „Gut Schabbes”, ist die Begrüßung. Hinter dem Zaun gackern die Hühner der Jüdischen Gemeinde. „Wir haben hier nur etwa 80 alte Leute, die Jungen sind in die USA, nach Deutschland oder Israel ausgewandert”, erklärt der Rabbi, hält seine weiße Kippa mit blauem Rand fest und guckt freundlich über den Rand seiner Brille. Drinnen im Gebetssaal ist der Platz der Frauen mit einem hellblauen Vorhang abgetrennt. Früher gab es 68 Synagogen in Belz. Die Taxler warten derweil, einer hat sich in den Garten getraut.
Artikel von Kerstin Kellermann für "AUGUSTIN" Nr. 164, August 2005
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