REISEBILDER - SOMMER 2005
Im Juli 2005 fuhr der „Wiener Jüdische Chor“ unter der Leitung von Roman Grinberg zusammen mit Isaak Loberans Klezmer-Ensemble „Scholem Alejchem“ von Wien nach Kischinew, um dort am 6. Internationalen Jüdischen Festival „Bessaraber Lid“ teilzunehmen. Auf dem Weg machte man in Drohobitsch, Kolomea, Czernowitz und Belts Station und gab Konzerte. Hier ein paar Reiseeindrücke.
Drohobitsch
Damit die Stadt Strom spart, wird um 10 Uhr abends in Drohobitsch die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Es ist ein deutliches Zeichen der ökonomischen Krise in einer Stadt, die zu Sowjetzeiten ein Zentrum der chemischen Industrie war. Jetzt sind zwei Drittel der Betriebe geschlossen.
Jene Jugend, die sich ausgerechnet an einem Montag Abend in der Disko neben dem Drohobitscher Restaurant „Randewu“ ausgelassen vergnügt, betrifft das alles offenbar nicht. Es ist eine milde Sommernacht an diesem 11. Juli 2005. Ich stehe mit Alfred Schreier und Kerstin Kellermann, einer Journalistin, die den „Wiener Jüdischen Chor“ auf seiner Reise begleitet, an einer Drohobitscher Straßenkreuzung. Laute Disco-Musik ist zu hören.
„Der Besitzer des Restaurants ist an hiesiger Jude, der jetzt in Deutschland lebt“, erzählt Schreier. Wir haben über Schreier schon gehört, dass er einer der beiden letzten Juden ist, die noch vor dem Krieg in Drohobitsch geboren wurden und bis heute hier auch wohnen. Schreier, ein Dirigent und Geiger, spricht noch ein schönes „galizianisches“ Deutsch. Sein Zeichenlehrer im Gymnasium war Bruno Schulz.
Er antwortet geduldig auf Kerstins Fragen. Vor dem Krieg lebten hier etwa 14.000 Juden. Jetzt gibt es etwa 250 Mitglieder der jüdischen Gemeinde.
In Drohobitsch steht noch eine große Synagoge, die für 2.500 Personen gerechnet war. In der Zeit der sowjetischen Herrschaft befand sich in ihr ein Möbelgeschäft. 1991 wurde das Gebäude der jüdischen Gemeinde zurückgegeben. Das letzte Mal, dass sich in dem Gebäude eine großes jüdisches Publikum versammelte, war 1994, anlässlich eines Benefizkonzertes, erzählt Josef Karpin, der energische Gemeindepräsident von Drohobitsch, ein Mann in den Fünfzigern, ein Lehrer, der uns am nächsten Tag zur Synagoge führt. Es ist ihm anzumerken, wie schwer im die Erzählung der weiteren Ereignisse fällt. Nach mehreren antisemitischen Attacken zog das Gemeindezentrum aus der Synagoge aus. Im gesperrten Gebäude übernachteten Obdachlose, die in kalten Winternächten Feuer anzündeten, um sich zu wärmen, und so das Gebäude in Brand steckten. Es blieben nur die nackten Mauern. Der Chabad-Fonds „Or Avner“ bezahlt jetzt die Reparatur, zumindest das Dach soll wieder hergestellt werden.
Es ist noch immer zu erkennen, dass das einmal eine „Choralschule“ einer gemäßigten Orthodoxie gewesen sein muss, mit einem Chor und einem „Herrn Rabbiner“ mit akademischem Titel. Die Synagoge einer reichen, bürgerlichen Gemeinde also. Es ist klar, dass die jetzt bestehende Gemeinde, die sich hauptsächlich aus Leuten zusammensetzt, die erst nach der Shoah aus verschiedenen Städten der Sowjetunion hierher gezogen waren, nicht an diese große Vergangenheit anschließen kann. Gegenwärtig sind nach der großen Emigrationswelle der 90er Jahre hauptsächlich ältere Menschen geblieben. Um ihre Bedürfnisse kümmert sich eine lokale Organisation „Chessed“ (Wohltätigkeit), die durch den „Joint“ unterstützt wird.
„Ich bekomme Essen nach Hause und ich könnte auch in ein Restaurant essen gehen. Aber das wollte ich nicht“, erzählt Schreier, der vor einer Weile Witwer geworden ist. Er ist aber nicht gebrochen, er hat noch an allem Interesse. „Übermorgen fahren wir, vier Mann hoch, nach Lemberg und geben ein Konzert. Es kommt Schewach Weiß, der ehemalige Präsident der Knesset.“
Wir würden gerne von Schreier noch mehr über Bruno Schulz hören, über seine eigene Biographie. Aber er hat schon viel von sich erzählt, und vieles kann man sich ausmalen. Andererseits, wer kann sich etwas wie das Drohobitscher Ghetto vorstellen? Das Grab von Schreiers Mutter befindet sich im nahe gelegenen Bronizer Wäldchen, gemeinsam mit etwa 15.000 anderen Juden. Wie sich das „Arbeitslager“ Groß-Rosen vorstellen ...
Herr Schreier, der mit uns an der Straßenecke steht, will auf keinen Fall mit uns ins Restaurant gehen. Und es ist auch nicht nötig, ihn nach Hause zu begleiten. Was macht es schon, dass es finster ist? Und dass junge Leute sich hier ausgelassen vergnügen, ist auch nicht gefährlich. Wir blicke ihm nach, Kerstin und ich, wie er in der Dunkelheit verschwindet: ein kleiner alter Mann in einem sorgfältig gebügelten Anzug. Und wirklich, wovor sollte er noch Angst haben? Er hat, so ist anzunehmen, in seinem Leben schon viele Orte gesehen, wo es weitaus finsterer war ...
Artikel (Aus dem Jiddischen) von Thomas Soxberger für "Forverts - The Yiddish Forward", New York, 17. Februar 2006.
Der Text wurde eingereicht für den "Forverts"-Journalismus-Wettbewerb, der am 21. Sept. 2005 ausgeschrieben wurde, und prämiert.