MIT HARZ UN MIT GEFIHL
Ein jüdischer Chor aus Wien ? Das Publikum im Chemnitzer Gemeindezentrum wirkte zunächst skeptisch - kommen doch aus Österreich selten gute Nachrichten... Doch die 35 Choristinnen und Choristen ließen sich nicht aus der Fassung bringen und sangen und sangen und sangen: chassidische, jiddische, sephardische und israelische Lieder. Und schon in der Pause waren die Zuhörer nicht wieder zu erkennen.... Dabei hatte es wenige Stunden vorher überhaupt nicht nach Konzert ausgesehen. Der Bus mit den Chormitgliedern steckte bei Teplice an der tschechisch-deutschen Grenze fest. Die Straße war nach einem Unfall gesperrt, der nächste Grenzübergang vom Schnee verweht, den übernächsten zu nehmen hieß fünf Stunden Umweg zu riskieren. Muss die abendliche Vorstellung abgesagt werden ? War der ganze Weg umsonst ? Ratlose Gesichter. Ein ganzer Chor, der keinen Ton herausbringt ! Doch dann geschah etwas, was nur unmusikalische Menschen wundern kann: Völlig erschöpft, hungrig, überreizt, gestresst und verunsichert sang die bunt zusammengewürfelte Truppe so gut wie noch nie! Und Roman Grinberg, der Chorleiter und Dirigent, zog alle Register. Vom feierlichen ‚Ose Shalom’ bis zu den wehmütigen, fernwehgeplagten Klängen von ‚Oj dortn dortn’; vom strengen, sephardischen ‚Buena Semana’ bis zum mitreißenden Schwung von ‚Lecha Eten Et Haaretz Hazot’ wurde ein vielfarbiger Bogen gespannt. Dass der Funke auf die Zuhörer übersprang, lag zu einem guten Teil an den Solisten des Abends: Iris Golden (‚Balaila Al Ha Deshe’), Timmy Smolka und Jella Bichlbauer (‚Hulyet’) und Martina Hübl (‚Abi Gezint’). Clara Treu und Sandra Gerber gelang es mit ihrem jazzartigen Timbre, dem oft gehörten Schlager ‚Yidl mitn Fidl’ neues Leben einzuhauchen. Unwiderstehlich die ‚Belzer Sisters’, Dora Napadensky und Emilia Blufstein. Gleich mit ihrem ersten Duett ‚Schpil-Zhe Mir A Lidele’ gaben sie das Motto des Abends vor: ‚....schpil-zhe mir mit harz un mit gefihl!’ Die Auswahl der Lieder, die Stimmen, der Wortwitz des Chorleiters trugen zum Erfolg bei, aber noch etwas spielte eine Rolle: Der Ort. Besonders beim zweiten Konzert, in der neuen Synagoge von Dresden. Nur ein goldener Stern über dem Eingang erinnert an die alte, von Gottfried Semper erbaute Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Der Neubau strahlt Wärme und Intimität aus und ist zugleich, wie zur Warnung, als biblisches Zelt angelegt. ‚S’brent, brider, s’brent’ klang hier beklemmend nahe, die kurze Stille vor dem immer dringlicher werdenden Refrain beinahe unerträglich: ‚Schtejt nit brider ot asoj sich mit farlejgte hent... schtejt nit brider lescht dos fajer, Unser schtetl brent!’

Artikel von Christian Schüller für "Die Gemeinde" Juni 2005 BACK >