AS DU GEJSST DEM LEZTN WEG


"Gibt es Antisemitismus in Kolomiya?" - "Haben sie uns jemals geliebt?", sagt der kleine, stämmige Mann und lacht. Die Klezmerband "Scholem Alejchem" und der Wiener Jüdische Chor auf einer Reise durch die Ukraine, Moldawien und Rumänien.

Vor der Türe der chassidischen Synagoge in Kolomiya, einem flachen weißen Haus mit Wasserschäden und dicken Mauern aus dem 13. Jahrhundert, steht die Frau des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, Sophia Babitcenko, in orangener Bluse, mit roten Haaren und rot umrandeter Brille und leuchtet in der Sonne. Flotte Akkordeonmusik tönt aus den Fenstern. Frau Babitcenko freut sich über österreichischen Besuch. Die Wiener Klezmerband "Scholem Alejchem" probt hier mitten in Kolomiya, einem kleinen Städtchen in der Westukraine, für das abendliche Konzert vor der örtlichen Gemeinde. "Scholem Alejchem" befindet sich, gemeinsam mit dem Wiener Jüdischen Chor, auf zweiwöchiger Konzertreise durch die Ukraine, Moldawien und Rumänien. Man will "Spuren jüdischen kulturellen Lebens suchen" und gleichzeitig "Injektionen jüdischen Lebens geben", wie das Isaak Loberan, Gründer des Ensembles, ausdrückt. Isaac wirkt etwas müde unter seiner Schirmkappe, nachdem der Bus mit den Chormitgliedern wegen schlechter Straßen erst um vier Uhr früh angekommen ist. Der mit Pulver angerührte Kaffee am alleengeschmückten Hauptplatz hilft ihm nicht wirklich. Im Straßencafe warten ukrainische Jugendliche, die zu einem Ethnomusik-Festival in die Karpaten fahren wollen. Leere Bierflaschen stehen säuberlich aufgereiht auf dem Tisch.
"Vor dem Krieg lebten in Kolomiya 18.000 Juden, von insgesamt 36.000 Einwohnern", erklärt Alexander Babitcenko, der Präsident der jüdischen Gemeinde. "Im Nationalsozialismus gab es drei Ghettos mit insgesamt 90.000 Juden, die hier in der Stadt wohnen mussten. 27.000 von ihnen sind in Kolomiya gestorben und begraben." Heute umfasst die jüdische Gemeinde nur noch 200 Mitglieder - beinahe alle sind aus dem Inneren der Sowjetunion zugewandert, auf Arbeitssuche in der Holzindustrie. Allein zwei Holocaust-Überlebende sprechen Hebräisch; wenn die beiden sterben, wird es beim Vortragen in der Synagoge Probleme geben.
"Es existiert noch eine zweite Synagoge, die momentan vom Staat genutzt wird. Wir wollen sie aus Angst vor Ressentiments und dem Neid der Bevölkerung aber lieber nicht zurückhaben", berichtet Babitcenko, der selbst aus Kiew stammt und dessen ältere Kinder in Haifa leben. "Es ist finster, wir müssen heim, sagen die Leute am Abend pünktlich um zehn Uhr, denn die Straßenlaternen werden in der Nacht ausgeschaltet. Einige fürchten sich im Dunkeln. Deswegen versammeln wir uns jetzt nur Samstag Vormittag und nicht mehr Freitag Abend." Gibt es Antisemitismus in Kolomiya? "Haben sie uns jemals geliebt?", sagt der kleine stämmige Mann und lacht. "Nein, nur auf dieser Ebene gibt es Antisemitismus: Du bist ein Jude, aber du bist trotzdem ein Guter . . ." Bei den Unruhen wegen des Regierungsumsturzes und der Juschtschenko-Geschichte wurden in der Synagoge die Fenster eingeschlagen.
Der "Narodni Dom", das Volksheim in Kolomiya, ist eine riesige Halle mit üppigen Ölschinken an der Wand. Der Wiener Jüdische Chor ist für seinen Auftritt etwas spät von einem fakultativen Ausflug zu den huzulischen Kunstgewerbemärkten in den Karpaten (hölzerne Zierkeulen und Zierhacken!) zurückgekehrt. Chorleiter Roman Grinberg improvisiert schnell zwei Lieder in der Vorhalle des Volksheimes. Die Zuhörer, die nach dem zweistündigen Auftritt von Scholem Alejchem bereits ihre schicken Schuhe in Plastiksackerln in der Hand tragen und in den Alltagsschuhen zum Ausgang streben, laufen lachend, immer der Musik hinterher, beim Haupteingang wieder in das Volksheim hinein. Der euphorisierte Chorleiter dirigiert schließlich das letzte Lied draußen unter freiem Himmel auf den Stufen vor dem Narodni Dom. Die Gemeinde geht beschwingt und sich angeregt unterhaltend nach Hause. Noch leuchten die Straßenlaternen.
Chisinau, die schöne grüne Hauptstadt Moldawiens mit den alten, einheitlich weißen Häusern, liegt auf sieben Hügeln wie Rom. Olga Sivac, deren Kinder ebenfalls in Israel leben, erzählt kopfschüttelnd von Diskussionen im moldawischen Fernsehen, bei denen bestritten wird, dass es den Holocaust im Gebiet der Hauptstadt Chisinau überhaupt gab. Die Leiterin der internationalen Abteilung der Bibliothek des Jüdischen Zentrums macht eine Stadtführung für die Mitglieder des Wiener Jüdischen Chors. Frau Sivac weist auf ein rötliches Steindenkmal, das Moses mit den Gesetzestafeln unter dem Arm zeigt: "Wir stehen nun vor den Toren des ehemaligen Ghettos von Chisinau. Im Juli 1941 wurden von den Nazis hier 12.500 Juden eingesperrt, davon 5000 Kinder. 1942 wurde das Ghetto aufgelöst, schon im Mai schickten die Nazis einen Bericht nach Berlin, dass die bessarabischen Juden komplett ausgerottet seien. Als die Sowjets im August 1944 die Stadt befreiten, fanden sie in der ganzen Stadt nur sechs Juden, die überlebt hatten."
Eine hohe gelbe Königskerze steht auf einem Grab des jüdischen Friedhofs, der im Zuge der Stadterweiterung teilweise zerstört wurde. Kinder, die jung starben, erhielten eine baumähnliche Skulptur als Grabstein. Liegende Grabsteine haben ebenfalls Tradition im bessarabischen Raum, dem Gebiet zwischen den Flüssen Prut und Dnjestr. Vor dem Krieg sprach in Chisinau jeder Dritte Jiddisch, es gab 77 Synagogen. In der ehemaligen Sowjetunion konnte man sich auch nach dem Vater als jüdisch erklären, nicht nur nach der Mutter. "Jevrei" (Jude) galt als Nationalität und wurde im Pass eingetragen.
Kulturelle Aktivitäten begannen erneut 1989, in dem offeneren Klima nach der Perestroika, als sich einige Autoren, wie der heute 93-jährige Yechiel Schraibmann, in einer "Jüdischen Kultur Gesellschaft" versammelten. Direkt beim Eingang des Jüdischen Zentrums von Chisinau gleich die Bücherei, die 1991 gegründet wurde, mit etwas staubigen, aber sehr vollen Bücherregalen und angeblich 12.000 neu registrierten Lesern im Jahr.
"Die jüdischen Melodien und Lieder sind oft durch nichtjüdische Bandmitglieder oder auch von Mitgliedern von Blasorchestern tradiert worden. Sonst wären sie verloren gegangen. Nach den drei Jahren, in denen die nationalsozialistische Maschinerie lief, um 900.000 Juden zu ermorden, blieb in der Westukraine ein großer weißer Fleck. Dort begann ich mit meinen Nachforschungen, um sie bald auf Moldawien auszudehnen", berichtet Isaak Loberan, eifriger Forscher und Archivar des jüdischen Liedes. Gemeinsam mit Galina Finkel vom Jüdischen Zentrum hat er in den Räumen der Bücherei das Klezmermusik-Festival organisiert, einen der Höhepunkte der Chorreise.
Bands aus Moskau und Odessa sind angereist und bringen Blasinstrumente und reduzierte Schlagzeuge mit. Die einheimischen Bands heißen "Golden Shoshana", "Freigish" oder "Konsonans-Retro". Jeden Abend gibt es ausgiebig Kreistanz und Sessions mit provokanten Improvisationen in unterschiedlichen Zusammenstellungen. In Moldawien ist es normal, Wodka zu trinken - eine Marke heißt "Stalingrad". Das Gala-Abschlusskonzert des Festivals im rot beplüschten Eminescu-Theater ist ausverkauft. Der international bekannte Klezmer-Vokalkünstler Efim Chorny, der die Moderation macht, schüttelt seine Haarmähne und schwärmt: "Es ist großartig. Die Zeiten haben sich geändert. Man hört wieder Jiddisch in Chisinau."
Wochen nach dem dramatischen Hochwasser in Rumänien steht der Fluss noch immer hoch: In dem Städtchen Cluj in Siebenbürgen haben die Fluten die alte Synagoge, die als Kulturzentrum genützt wird, nicht erreicht, aber es war knapp. Sieht man im hohen Hauptraum stehend aus dem Fenster, blickt man direkt in den tiefgrünen Fluss Somesul Mic hinein. Der Wasserspiegel liegt nur einen Meter unterhalb des Fundaments. Die alte, etwas baufällige Synagoge von Cluj steht direkt am Wasser, denn für die rituellen Waschungen war es nötig, das Bethaus an einem Fluss zu errichten.
"Einmal im Jahr nimmt man seine Untaten - nicht seine Sünden - wie Steine aus der Tasche und wirft sie symbolisch in den Fluss. Die Fische gelten als Zeugen der weggeworfenen Verfehlungen, sie sehen und hören alles, aber sie sind stumm", erklärt Franziska Smolka, Sängerin im Wiener Jüdischen Chor. Die Universitätsstadt Cluj ist die erste Gemeinde, in der auffallend viele junge Leute zu sehen sind. Doch die ersten zwei Reihen sind wie bei jedem Konzert von alten Leuten besetzt, die sich bei dem Lied "Sog nit kejnmol as du gejsst dem leztn Weg" (Sage niemals, dass du den letzten Weg gehst) die Augen wischen. Auch bei "Majn jidische Mame" schniefen einige verdächtig, um sich gleich anschließend bei dem humoristischen Lied "Romania" vor Lachen den Bauch zu halten. Der kleine Rabbi in Bluejeans und Turnschuhen schaut freundlich über seine Goldrandbrille. Den blauen Popelinehut auf seinem Kopf hat er gegen eine weiße, gehäkelte Kippa mit blauem Rand getauscht. Von außen durch eine Steintreppe zu erreichen, befindet sich in den oberen Räumen der Synagoge das Internetcafe "Tranzit" mit schwarzen Kunstledersofas und einer Unmenge an Computern. Die Steinbögen auf der Galerie sind mit Holzstämmen abgestützt. Draußen halten Fischer ihre Angeln in die Fluten.
"Auf unserer Chorreise besuchten wir einst blühende jüdische Gemeinden, die heute nicht länger existieren", sagt Timothy Smolka, der Leiter des Wiener Jüdischen Chors, in seiner Ansprache in der Synagoge in Bukarest traurig. "Das ist die erste Gemeinde, die nicht in den Boden gestampft wurde", flüstert Chormitglied Irina Woldman. In dem 130 Jahre alten wunderschönen Choraltempel in Bukarest mit seinen dunklen Holzetagen surren die Ventilatoren, unter denen jeweils vier weiße Lampen in Form von Blütenkelchen angebracht sind. "Die Holzschnitzereien sind schöner als in Florenz. Die sind hier ashkenasisch-orthodox", wird im Publikum geschwärmt. "Aber nicht ultra-orthodox", tönt es zurück. Der Präsident der Bukarester Jüdischen Gemeinde, Osy Lazar, berichtet von derzeit 5000 Mitgliedern - es gibt auch Mischehen, "niemand wird ausgeschlossen". 400 Gemeindemitglieder sind aus Krankheitsgründen "nicht beweglich". "Diese Altersgruppe, die ich die ,Siehst-du-aber-gut-aus-Altersgruppe' nenne, erhält von uns Unterstützung, die Renten machen nur zwischen 30 und 250 Dollar im Monat aus. Auch unsere über 100-jährigen Brüder und Schwestern sind sauber und gefüttert. Es wird ein bescheidenes Leben geführt, aber in Würde", berichtet Präsident Lazar.
1941 schleppten die mit den Faschisten verbündeten Legionäre 120 Besucher des Choraltempels weg und erschossen sie in einem nahe gelegenen Wald. "Als die Legionäre in die große Synagoge kamen, warfen sie mit Thorarollen um sich. Eine verfing sich im Luster am Plafond und wurde gerettet. Kein einziger Buchstabe wurde verletzt. Diese Thorarolle halten wir besonders in Ehren", betont Lazar. Von den 809 jüdischen Friedhöfen in Rumänien befinden sich 650 an Orten, in denen es überhaupt keine Juden mehr gibt.
Beim Konzert wird es voll, die Männer sitzen links, die Frauen rechts. Auf der Empore klatscht ein rothaariger Mann lautstark sämtliche Lieder mit, obwohl ihn die Damen mit den weißen Strohhüten von unten konsterniert anschauen. Sicher ein Amerikaner. Eine Dame schwingt fröhlich ihre Videokamera im Takt der Musik mit - den Enkeln wird schwindlig werden beim Betrachten des Videos. Während des ernsten Liedes "'S Brent Brider, es brent" diskutieren vier sehr alte Herren mit Baseballkappen eifrig im Kreis. Am Ende übergibt der Präsident rote Nelken an die Chorleute, für die "Freude, die unser Herz erfüllt".
Draußen stehen Säcke für die Hilfsbedürftigen in den überschwemmten Gebieten. Auf dem Denkmal vor der Synagoge, einem riesigen, roten Menora-Leuchter mit sieben Armen, steht: "Die 6.000.000 Juden und 400.000 Roma, die unter höllischen Qualen starben, wurden von deutschen, rumänischen und ungarischen Faschisten getötet. Wir, die letzte Generation des Holocaust und die erste der Erlösung, erbauten dieses Denkmal zur ewigen Erinnerung." Die Mitglieder des Wiener Jüdischen Chors erhalten eine Führung durch das beeindruckende Memorial in der "Großen Synagoge", die in Wirklichkeit kleiner ist als der Choraltempel. Der Autor des Buches "Synagogen in Rumänien", Streja Aristide, der lustig ausschaut mit seinen Hosenträgern, der umgehängten Brille und seinem roten Hemd, das er in seine rot-grün karierte Hose gesteckt hat, wird bei seiner Führung durch die Ausstellung immer schneller - als ob er den Besuchern das Leid des Holocaust ersparen möchte. ",Kain, was hast du getan?', lautet der Titel dieses Bildes", sagt er, "weil einige viele Menschen haben ihre Brüder und Schwestern getötet."

Artikel von Kerstin Kellermann für "Die Presse" vom Sept 2005 BACK >